Tyll – der neue Roman des Erfolgsautors Daniel Kehlmann , erschienen im Verlag Rowohlt

DSC_0325 (3)Jemand hatte mir kürzlich erzählt, dass er Daniel Kehlmanns TYLL gerade mit größter Begeisterung lesen würde. Das hätte mich stutzig machen sollen. Denn diese Jemand war auch von Paul Austers „4 3 2 1“ ganz angetan gewesen. Stattdessen suchte ich nach Rezensionen und fand Meinungen von Kritikern, die allesamt positiv waren. Nur im Literarischen Quartett hatte Thea Dorn das Werk als vertane Chance bezeichnet, dazu empfohlen, doch gleich den Simplicissimus von Grimmelshausen zu lesen. Also wollte ich selbst erfahren, worum es überhaupt geht im aktuellen Kehlmann-Werk.

Soviel vorweg: Am Anfang war ich durchaus Feuer und Flamme. Doch je weiter ich vorankam, desto entzauberter und ratloser blieb ich zurück. Man könnte auch sagen: ich war gelangweilt. Der Grund? Es muss die Figur TYLL gewesen sein, die mir bis zum heutigen Tag fremd geblieben ist. Dazu kommt noch der ständige Wechsel zwischen den Figuren – dieses Hin und Her – diese seitenlangen fiktiven Dialoge, historisch nicht belegbar, aber gut, auch die Figur des Gauklers, Schauspielers und Seiltänzers TYLL hat es ja so im Dreißigjährigen Krieg nicht gegeben. Vorbild war Till Eulenspiegel, auch Dil Ulenspiegel oder Dyl Ulenspegel, der angeblich als Schalk im 14. Jh. gelebt haben soll.

Positiv zu vermerken ist: Natürlich gab es beim Lesen im Verlauf der Kapitel die eine oder andere lesenswerte Passage, Dialoge waren hin und wieder sogar unterhaltsam, ja, und teilweise auch ganz witzig geschrieben. Doch im Großen und Ganzen, ehrlich gesagt, fühlte ich mich gelangweilt. Und ich habe mich mit falschen Hoffnungen durch die Episoden bis zum bitteren Ende gequält.

Begeistert war ich nicht, es war mir beim besten Willen (und der war stets vorhanden) nicht möglich, tiefer ins Geschehen einzutauchen, die Zeit zu vergessen, mich mitreißen zu lassen. Ganz einfach, weil mir vieles doch zu konstruiert erschien. Schon stand ich als Leser abseits und wunderte mich über mich selbst, warum ich überhaupt noch die Seiten umblätterte? So baute sich zusehends Distanz zur Story auf. Was mir fehlte, war der Sog einer glaubhaften Geschichte. Ein Abenteuer? Ein Drama im Dreißigjährigen Krieg? Nichts! Es gab so gut wie keine eindringlichen Bilder vom Elend, keine atemberaubende Atmosphäre, auch keinen anarchistischen Witz des Gauklers Tyll. Denn der blieb blass, ließ sich kaum blicken, kam zwar irgendwie durch die Episoden, aber ohne Spuren bei mir zu hinterlassen. Schon früh wurde mir klar, der TYLL spielt doch eher eine Nebenrolle. Warum dann dieser Titel?

Die acht Kapitel des Buches

Sie heißen: Schuhe, Herr der Luft, Zusmarshausen, Könige im Winter, Hunger, Die große Kunst von Licht und Schatten, Im Schacht, Westfalen.

Was mit den Worten „Der Krieg war bisher nicht zu uns gekommen…“ ganz gut anfängt, führt direkt ins Bürger-Leben der Zeit im Dreißigjährigen Krieg. Der legendäre TYLL kommt in eine Stadt, wird erkannt, obwohl ihn noch nie jemand gesehen hatte. Ganz klar, man war im Bilde, ob Jung oder Alt, man hatte von ihm gehört. Tyll also hat seinen Spaß mit den einfachen Leuten, die, von ihm angefeuert, ihre Schuhe in die Luft werfen und sich dann wild prügeln, um einen Grund zu haben, die aufgestauten Aggressionen loszuwerden.  Nun gut, sie wollten es so, die Bürger, ließen sich gern abgelenken vom Alltag. Aber dieser phänomenale Auftakt ist schnell zu Ende. Die Bewohner werden mit ein paar Sätzen ins Jenseits abgeschrieben: als Opfer des Krieges. Tyll ist weitergezogen. Und der Leser muss ganz neu beginnen. Nun gibt es einen Sprung zurück in Tylls Kindheit.

Schon ist man als Leser bei Vater Claus, der Müller ist, aber auch die Magie und viele rätselhafte Dinge des Alltags erforscht. Diese Zeit wird lesenswert in Herr der Luft veranschaulicht. Das beste Kapitel wie ich fand. Sehr gut geschrieben. Das einfache Leben der Menschen rückt ins Zentrum. Als Hexer entlarvt, auf Betreiben von zwei Fremden im Ort, A. Kirchner und Tesimond, wird der Vater nach Folter und Prozess gehängt. Alles nur, weil er ein Buch in lateinischer Sprache besaß, dass er selbst nicht lesen konnte. Tyll und Freundin Nele fliehen aus dem Ort. Fortan gehören sie zum fahrenden Volk, weil sie ein paar Kunststücke und die Leute begeistern können. Tyll tanzt auf dem Seil. Nele? Was tat sie doch gleich?  Beide schließen sich einer Figur namens Pirmin an, der ihnen als Gaukler alles Wichtige beibringen sollte, sie aber zu ihrem Unglück auch noch schlecht behandelte.

Im nächsten Kapitel Zusmarshausen wird es komplizierter. Man folgt einem dicken Grafen und muss sich als Leser durch Momentaufnahmen des Krieges quälen. Es langweilt, diesen Martin von Wolkenstein mit seinen Gefolgsleuten auf der Suche nach Tyll Ulenspiegel durch die Wirren des Krieges zu begleiten. Vermutlich, damit auch ein wenig vom Kriegsschauplatz zu erfahren ist.

Ebenso zieht sich das Kapitel Winterkönige hin, Tyll spielt darin nur eine Nebenrolle als Narr in den Diensten des Winterkönigs. Der König trifft mit Gustav Adolf im Feldlager zusammen und will seine Krone zurückhaben. Über das Angebot des Feldherrn ist er nicht erfreut. Das Gespräch der beiden Männer ist zwar unterhaltsam, mehr aber auch nicht. Gut für eine Theaterszene. Aber wie hätten wirkliche Könige und Feldherren  gesprochen? Das Experiment, den heutigen Umgangston zeitversetzt zu verwenden, mag es geglückt sein, aber beim Lesen hinterlässt das Ganze keinen großen Eindruck. Sehr gut beschrieben ist dann wieder die Szene mit dem sterbenden König, der die Pest hat und wie sich dieser  sterbende König und der Narr Tyll im Schnee verabschieden.

Das Kapitel Hunger beginnt sehr schön mit der Erzählung Neles aus der Zeit ihrer Kindheit und der Lehre bei Pirmin. Doch das Ganze endet mit dem Tod Pirmins, der von ihr und Tyll vergiftet wird. Angeblich. Leider sehr nüchtern und mit Distanz erzählt. Als Leser bleibt man kritisch zurück. Stimmt die Geschichte oder will sich Nele nur wichtig machen? Vielleicht war alles anders.

Stark konstruiert wirkt danach der Auftritt von Athanasius Kircher, Universalgelehrter, der den Gottorfer Hofmathematiker Olearius samt Sekretär und Dichterfreund Fleming in dem Kapitel Die große Kunst von Licht und Schatten dazu überredet, mit ihm auf Drachenjagd in Schleswig-Holstein zu gehen. Weil man Musiker braucht, um den Drachen ruhigstellen zu können, findet man diese zufällig in einem Wanderzirkus, zu dem auch Tyll & Nele gehören. Tyll spricht den von ihm erkannten Kircher unter vier Augen auf die einstige Geschichte mit der Hinrichtung seines Vaters an und gibt sich selbst als Alchimist aus. Kircher will sich nicht erinnern, hat Angst, fühlt sich in die Enge getrieben, denn Tyll erinnert an die Verhöre von damals und was er gegen seinen Vater aussagen musste. Kircher als Kenner der Zauberkräfte befreit sich mit Hilfe eines magischen Quadrates SATOR höherer Ordnung aus dem für ihn bedrohlichen „Verhör“. Aufgelöst im Rauch. Als Trick oder Demonstration der Macht vielleicht ganz lustig. So schnell kann auch eine Figur aus der Handlung verschwinden. Wenig später verabschiedet sich auch Nele von Tyll, um mit Olearius zu verschwinden, der sie heiraten will. Happy End!

Das folgende Kapitel „IM SCHACHT“ wirkt merkwürdig entrückt, spielt bei den Mineuren (Pioniersoldaten), ist also in die Unterwelt  verlagert, wo die Toten nah sind und erscheinen. Wo man seine Sünden bekennt. Und die Religion ins Spiel kommt. Beim Bauen von Tunneln versuchen die agierenden Figuren (Menschen aus dem Volk) noch kurz vor dem Ende des Lebens ihre Seelen zu retten. Obwohl die Gefechte oberirdisch verlaufen, herrscht unten Lebensgefahr und Todessehnsucht. Nur Tyll widerspricht trotzig dem allgemeinen Entsetzen und sagt: Ich sterbe heut nicht. Ich sterbe nicht.

Im letzte Kapitel Westfalen steht der Friede ins Haus. Im Mittelpunkt steht wieder Ihre Majestät, die Königin von Böhmen, bei einem Aufenthalt in Osnabrück. Worum es hier geht? Ums Leben der Monarchin. Graf Wolkenstein tritt wieder auf. Es geht um alles Mögliche, bis plötzlich Tyll erscheint, bei einer Vorstellung hat er sich verletzt, blutet, aber er ist jetzt als Narr beim Kaiser und lehnt das Angebot Elisabeths ab, mit ihm nach England zu gehen.

Viel Rauch um nichts oder ein laues Lüftchen ohne Folgen?

Diese ständigen Einschnitte, diese Verlagerungen, Szenenwechsel, das Auseinanderreißen der Handlung, hin zu Figuren, die Langeweile oder Stirnrunzeln verbreiten, gefällt mir nicht. Andere Leser mögen damit zufrieden sein, mir geht das nicht weit genug. Es fehlt was. Dazu kommen Dialoge voller Belanglosigkeiten. Aussagen, die im Sande verlaufen. Es bleibt nichts zurück, was auf mich in irgendeiner Form Eindruck gemacht hätte. Kurz: Das Buch hat mich nicht verändert. Ich fühle mich nicht angesprochen.

Aber ich denke, dass hätte ein Ziel sein können: dieses Hineingeworfensein in den Krieg, das Leiden, das Verschwinden und das noch bestehende Sein in Zeiten des Todes stärker herauszuarbeiten. Ein Narr hätte hier ein kluges Wort verlieren dürfen. Und was würde uns das in der Jetztzeit bringen? Der Text hätte wachrütteln, vor den Kopf stoßen, viele Fragen aufwerfen und das Bewusstsein für Kriege schärfen können. Geändert hätte das zwar nichts, aber es wären Ziele gewesen, doch bei mir als Leser blieben weder Fragen noch Antworten hängen.

Ich hatte mir zu viel von dem Buch versprochen.

Es waren viele zusammengewürfelte Momente aus dem 30-jährigen Krieg, die TYLL ausmachen. Von Zuständen und Protagonisten, zu denen ich lieber auf Abstand gehe, indem ich sie vergesse. Leider ein Buch, dem jede Atmosphäre fehlt, abgesehen von der Kindheitsgeschichte Tylls und dem Aberglauben „Luftgeist“ nachts im Wald. Stellenweise ist das einfach zu banal. Und überhaupt, was ist daran witzig, wie von vielen Kritikern gelobt?

Alles nur Show? Was wird mir als Leser vorenthalten? Warum taucht er nur hin und wieder auf. Warum spielt er eine Nebenrolle, während die anderen Figuren viel präsenter sind? Wo sind die Spiegel, die er den Herrschenden hätte vorhalten könnten? Ich habe von TYLL nur ein eher verschwommenes Bild bekommen. Vielleicht noch am ehesten leuchtet er in den Szenen, in denen er sagt „Ich sterbe nicht“, was ja auch eingetroffen ist aus heutiger Sicht. Der NARR bleibt. Er ist lebendig in der Erinnerung und noch immer gut genug für einen Roman. Einen besseren hätte es geben können.

 

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Antiliterarische Umtriebe

Literarische Fehltritte? Kein Grund zur Panik…

L E S E S P L I T T E R b l o g

Eines Tages. Irgendwer entdeckt sie irgendwo: die literarische Wundertüte, prall gefüllt mit Lesefrüchten, auf einer Parkbank vergessen. Daraus könnte dann die Gruppe der Leserinnen und Leser nach Lust und Laune begehrte Lesetipps zum eigenen Gebrauch entnehmen. Schöne Vorstellung, wäre da nicht die Realität. Wären da nicht die Fallensteller, die blenden, verlocken und gnadenlos verreißen.

Aufmerksame und umtriebige Leser fragen sich schon jetzt: Was darf ich hoffen? Was muss ich finden? Wo liegt mein Leseglück? Ist meine Lektüreauswahl ein Missverständnis?  Weit gefehlt! Es ist weder dies noch jenes, vielmehr ist eine Wundertüte immer ein Geschenk der Fantasie und der Erwartungen. Aber sie zeigt, worum es auch geht beim leidenschaftlichen Lesen: auf kluge Auswahl und sichere Entscheidung.

Es wimmelt nur so von gutgemeinten Empfehlungen. Man liest beiläufig vor sich hin, ahnt nichts Böses und steckt plötzlich mitten drin im Sumpf antiliterarischer Umtriebe. Weil man nicht merkt, was fehlt, neben der reinen Story, was tiefer…

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Merkwürdige Bücherskulpturen überall

Es ist ein Trend im öffentlichen Raum. Oder ist es mehr? Jedenfalls gibt es dieses merkwürdige Phänomen Bücher liegen zu lassen. Im Bus, in der Bahn, beim Neurologen oder beim Tierarzt. Geht das, sie nach Gebrauch (was immer das ist?) für andere zu hinterlassen, wenn man sie ausgelesen oder nie gelesen hat? Diese Haltung muss Liebe sein. Ist aber nur reines Wunschdenken. Ich wünsche mir so sehr dein vorgeschobenes Interesse. Man denkt: Vielleicht helfe ich allen Süchtigen, die Lesestoff brauchen, um überleben zu können. 

Man stellt Bücher in frei zugängliche Schränke, legt sie in öffentliche Regale oder vergisst sie auf Ablageflächen im Postgebäude, transportiert sie in alte Telefonzellen oder Hauseingänge. Es gibt diese Orte in fast allen Städten. Sie überraschen mich immer wieder. Nicht erst seit gestern. Aber wie lange noch?

So langsam wird mir klar: das Gestrige ist längst schon ein Denkmal. Eine tollkühne Konstruktion habe ich da gesehen, fast erschien sie mir wie ein Wallfahrtsort. Fehlt nur noch, dass eines Tages „Ewige Lichter“ angezündet werden oder Blumen oder Reiskörner oder ein Coffee-to-go hinterlegt werden. Natürlich für die Buchgeister, die langsam aussterben.

Denn eines Tages ist es soweit. Und dann? Keine Ahnung. Eines Tages wird das letzte gedruckte Buch erscheinen und es wird sofort verboten werden, weil Bücher Zeit stehlen, Zeit, die man nützlicher zubringen könnte. Aber womit, wenn es nichts mehr zu tun gibt? Vielleicht wird Bücherbesitz auch bestraft. Weil Bücher gefährlich werden und zur Fantasie anregen könnten. Leser werden verhaftet, weil sie selbst denken lernen könnten. Und Denken ist verdächtig.

Verfolgt werden sie, die Denker der Zukunft. Ihre Bücher werden verbrannt. Es gibt eine coole ScienceFiction –Story von Ray Bradbury mit dem Titel „Fahrenheit 451“. Ein dystopischer Roman aus dem Jahr 1953. Aber soweit wird es nicht kommen. Soweit sind wir noch nicht.

Man weiß ja nie, wer mal das Sagen haben wird. Vielleicht geht alles viel schneller als gedacht. Möglicherweise wird das Buch an sich völlig überflüssig, einfach nur vergessen. Ach, Bücher, die gab es mal? Waren die nicht zum Ausmalen?

Erinnern wir uns: Es gibt immer noch diese Mahnmale, Buchskulpturen, ganze Bücherwände zum Schein, die jetzt schon da sind. Auch Bücher, in die man eintreten kann, um sich zu verlaufen, und Bücherentsorgungsvereine, die nur dazu dienen das Wissen aus Büchern in die Köpfe der Elite zu scannen. Aber es wird auch Geächtete geben, die mit ihren Büchern auf einsamen Inseln hocken. Und dann wird einer stranden, der weiß, dass man aus Büchern Häuser bauen kann. „Das Papierhaus“ – ein schmales Büchlein von Carlos Maria Dominguez erzählt davon.

Besitzt DU Bücher oder besitzen Bücher DICH?

Wo das eine ins andere übergeht, aufeinander aufbaut, sich als Geschichte verzahnt und verrammelt wird Lesezeit zur Lebenszeit. Jeder Text, der es ernst meint, nimmt ein rasendes Tempo auf, hebt ab, bäumt sich auf wie die fatalen Konsequenzen ungahnter Freiheit, explodiert wie außer Kontrolle geratene Ereignisse. Und ich als Leser? Bin tief versunken im Lesestoff. 

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Damit verschwinden die Dinge beim Lesen um mich herum. Das Lesen selbst wird zum Selbstzweck, einzig wichtig wird nur die Schrift. Alles geschäftige Tun, jede Art von Pflichtbewusstsein verflüchtigt sich in die Ferne, taucht unter im aufgewühlten Meer, verblasst in den Tiefen der Phantasie. Es ist die Realität, die unter geht, um an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das passiert fast wie nebenbei, wenn ich um mich blicke und sage: Zeit, einen Schluck Kaffee zu trinken. Doch der ist zu dem Zeitpunkt bereits kalt. 

Wirkung von Literatur

Der am 15.01.1911 in Zürich geborene Autor Max Frisch, hätte in diesen Tagen seinen 105 Geburtstag begehen können, wäre er nicht schon 1991 mit der Erfahrung des eigenen Todes konfrontiert worden. Als Max Frisch über die Wirkung von Literatur nachdachte, damals in New York, konnte man in seinen Vorlesungen hören, dass es dem Autor Frisch beim Schreiben um die Konfrontation mit der Sprache ging. Für ihn, Frisch, entstehe Literatur erst dann, wenn Schreiben zur Selbsterfahrung führe.

Die Erfahrung war für Frisch also ein ganz wesentlicher Aspekt. Er wollte beim Schreiben seiner eigenen Erfahrung auf den Grund gehen. Ein oft zitierter Satz aus seinem Roman  „Mein Name sei Gantenbein“ lautet so auch: „Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte seiner Erfahrung.“

Mehr dazu an anderer Stelle.

Schreiben dicht am Leben

Ein Ratgeber, der wirklich Rat gibt, das ist „Schreiben dicht am Leben“ von Hanns-Josef Ortheil, erschienen als DUDEN Ratgeber, und Teil der Reihe „Kreatives Schreiben“.

Er enthält viele Tipps, für alle, die sich an die Kunst und die Technik des Notierens und Skizzierens heranwagen wollen.

Als Anfänger wird man sensibilisiert. Der Leser kommt den Dingen auf die Spur. Mit diesem „Schreibverführer neuen Typs“ werden ihm die Augen geöffnet. Für die vielen außergewöhnlichen Dinge im Alltag. Der angehende Autor erfährt, wie man seine Schreibimpulse in den Griff bekommt. Er lernt auch berühmte Autoren und ihre Techniken kennen. Lernt zu beobachten. Praktiziert selbst die angesprochenen Vorgehensweisen.

Es gibt also viel zu entdecken, zu lernen, auch viel zu probieren in diesem „Meisterkurs“. In jedem Fall wird auf diese Weise eine mögliche Basis fürs Schreiben deutlich. Mein Fazit: Absolut lesenswert. Auch als Übungsbuch sollte es immer griffbereit sein.

Antiliterarische Umtriebe

Eines Tages. Irgendwer entdeckt sie irgendwo: die literarische Wundertüte. Prall gefüllt mit Lesefrüchten, vergessen auf einer Parkbank. Daraus könnte dann die Gruppe der Leserinnen und Leser nach Lust und Laune begehrte Lesetipps zum eigenen Gebrauch entnehmen. Schöne Vorstellung, wäre da nicht die Realität.

Aufmerksame und umtriebige Leser fragen sich schon jetzt: Was darf ich hoffen? Was muss ich finden? Wo liegt mein Leseglück? Ist meine Lektüreauswahl ein Missverständnis?  Weit gefehlt! Weder dieses noch jenes, vielmehr ist eine Wundertüte immer ein Geschenk der Fantasie und der Erwartungen. Aber sie zeigt, worum es auch geht beim leidenschaftlichen Lesen: auf kluge Auswahl und sichere Entscheidung.

Gutgemeinte Empfehlungen gibt es viele

Man liest beiläufig vor sich hin, ahnt nichts Böses und steckt plötzlich mitten drin im Sumpf antiliterarischer Umtriebe. Weil man nicht merkt, was fehlt, neben der reinen Story, was tiefer geht, über sich hinauswächst, mich anspricht und nicht mehr loslässt, was sprachlich wertvoll oder kompositorisch schwach ist. Man hinterfragt nicht, weil man die wichtigen Fragen nicht kennt, sondern folgt den Einschätzungen der Literaturkritik. Man bewegt sich auf dünnem Eis.

Was tun?

In Zeiten wie diesen lauern überall Hinterhalte und Abgründe. Weil die Tiefe fehlt, die Zeit, Dinge richtig einzuordnen, verständlich zu machen. Weil das, was heute als Wunder oder Spektakel verkauft wird, immer subjektiv ist, sich mit den Leseerfahrungen des Empfehlenden deckt, immer nur reinste Spekulation ist. Deshalb zählt für eine kompetente Leserschaft auch nur das klare Urteilsvermögen.

Leserinnen und Leser helfen sich selbst

Sie sind nach allen Seiten offen. Und sie finden ihren Lesestoff mit untrügerischer Sicherheit, gehen Fehleinschätzungen aus dem Weg und lassen sich nichts vorgaukeln. Schön wärs!

Natürlich geht man selbst, vorgewarnt und sensibilisiert, von Zeit zu Zeit dieser oder jener Empfehlung auf den Leim, fällt auf Reizwörter rein, lässt sich auf zwielichtige Geschichten oder hochgelobte Missverständnisse ein. Das ist kein Desaster, kein Drama und keine Katastrophe: Es ist der einzige Weg, seinen ganz individuellen Lesegeschmack zu finden.

Mit der Zeit werden Reinfälle seltener

Antworten auf häufig gestellte Fragen: Dabei berücksichtige man im Hinblick auf wirklich wahre LESESPLITTER-ABSICHTEN die folgenden Aspekte:

  1. Was will kein Mensch? Weder Knallerbsen noch Bombenstimmung. Dafür jede Menge splitterfasernackte Enthüllungen aus der Welt der Worte.
  2. Gibt es wirklich ausgewogene Buchvorstellungen? Vor allem ungewöhnlich sollte sie sein, die Vorstellung des Lesestoffs, ohne Textgemetzel, ohne Verletzungen des Autors, ohne Beleidigungen der Leserschaft. Im Grunde genommen sollte es eine Wegweisung mit Warnungen vor Unzulänglichkeiten oder Enttäuschungen sein.
  3. Was ist noch drin für den besonderen Geschmack? Viel Reflexion. Mal eine kleine Essenz. Und hin und wieder ein Resümee. Auch harsche Kritik, sobald Auflösungserscheinungen und Verfall in der Lesewelt zur Sprache kommen. Was nicht heißt, dass im Ausnahmefall doch mal das eine oder andere Wortmassaker im gehobenen Stil passieren könnte.
  4. Muss ich aufpassen, wohin mich ein Lesetipp entführt? Wo Splitter herumfliegen, da herrscht immer eine enorme Verletzungsgefahr. Aber nicht so, dass bestimmte Empfindungen verletzt werden. Sicher, gewisse Wahrheiten sind ebenso schmerzlich. Jede Texteinschätzung ist subjektiv, sie sollte aber vor allem am Leseerlebnis orientiert sein.
  5. Wie kann ich mich vor falschen Empfehlungen retten? Leser dürfen sich retten, wann immer es geht. Rettung ist möglich, wo immer ein anderes Buch offen steht. Die Flut der ungelesenen Bücher ist so groß, dass jeder eines Tages das rettende Ufer erreicht.
  6. Wie sieht meine Lesegewinn aus? Spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, dass es nur auf die absolute Lese-Aufgeschlossenheit ankommt. Sagen wir es so: Die Lage ist ernst, wirkt manchmal auch komisch, aber die Illusionen sind nach allen Seiten offen.
  7. Läss sich ein literarischer Fehltritt wieder einrenken? Durchaus. Es genügt manchmal schon, die Dinge auf den Kopf zu stellen.

Gesucht wurde schon lange, denn alle Welt war verrückt nach ihr. Was denn? Doch nicht etwa? Doch – die literarische Wundertüte als unerschöpfliche Quelle der Leselust. Ach! Wirklich?

DURCHS LITERATUR-LABYRINTH

Ziele sollten jeden Tag hinterfragt werden. Beim Lesen ist das anders. Diesen Zustand des Seins als Lesender darf man keinesfalls gefährden.

Lesend unterwegs sein, kann Beruf und Berufung sein. Dabei bewegt man sich meist zwischen Bücherbergen und Stapeln ungelesener Bücher. Man sieht kein Aus-, Ein- oder Fortkommen. Man könnte verzweifeln, schlägt Irrwege ein, auf denen einem der Seitenwind und das Blätterrascheln zu schaffen machen. Man bleibt irgendwo hängen, liest sich fest. Bis zum Happy End. Möglicherweise.

Warum nicht einfach vollkommen versinken in erzählerischen Welten?

Bücherliebhaber weltweit sind davon betroffen: Ihre Leidenschaft für Literatur treibt sie an. Hin zu den literarischen Werken, die es verdienen, dass man tiefer in sie einsteigt. Ein gemütlicher Lesesessel etwa sollte dabei Anlauf- und Angelpunkt sein, natürlich umgeben von überquellenden Bücherregalen und den hin- und herwankenden, meterhohen Stapeln ungelesener Bücher (das erspart die Leseliste).

Eintauchen in Wortwelten

Sich dem Lesen verschrieben zu haben, sollte Dauerzustand sein. Oder nicht? Damit allein ist es eben nicht getan, dass man versinkt im Geschriebenen, sich abschottet als Leser und dicht macht. Viel wichtiger sind die Folgen, des Gelesenen. Das, was ein Buch mit dir macht. Wie es dich und dein Denken verändert.

Auftauchen ist Pflicht.

Mehr denn je sind nach dem Auftauchen die Berichte von „Zeitreisen“ aus der Welt der Literatur an die Zurückgebliebenen gefragt. Hinz und Kunz blicken sich heute sowieso ständig ratsuchend um, lechzen ja nach Orientierung.

Wie erhellend und inspirierend es sein kann, sich von Erzähltraditionen, Fantasie-Entdeckungen, Botschaften, augenöffnenden Appellen und Autoren wachrütteln zu lassen, sie näher kennen zu lernen, das sollte man der Welt ohne Bücher, der Welt der fehlenden Leseabenteuer, jenseits aller Fantasie immer wieder mitteilen.